Glücksbotschaften

Bei einer Pagode am West Lake ist seit Tet ein Markt, zu dem viele Vietnamesen aus dem Umland kommen. Er wird wohl demnächst enden, deswegen wollte ich da unbedingt hin. Ich habe nicht einen einzigen Europäer gesehen und wurde von den Vietnamesen wohlwollend ignoriert. Auf dem Markt saßen Männer in roten Umhängen, die mit kalligraphischen chinesischen Schriftzeichen Wünsche für das neue Jahr auf eine Schriftrolle schreiben. Vor allem wird um gute Leistungen der Kinder an der Schule gebeten. Die Schriftrolle wird zu Hause an einem Ehrenort aufgehängt oder es wird gleich eine zum Verschenken angefertigt. Ich habe die ehrenvollen Männer nicht gezählt, aber 100 Kalligraphen habe ich mindestens gesehen.

Daneben konnte man auf dem Markt jede Menge diverser Glückssymbole kaufen. Dem Kitsch waren keine Grenzen gesetzt.

Irgendwann habe ich Hunger bekommen, aber die Essensbeschaffung war für mich nicht zu bewältigen. Es gab jede Menge Stände mit vielen kleinen Stühlen, aber alle waren besetzt. Es gab an jedem Stand die exakt gleichen Gerichte, Shrimps in Teig (?), irgendwas in einem grünem Blatt (?), Fleischspießchen und Suppen. Außerdem wurde man überall bedient und wie sollte ich der Bedienung klar machen, was ich essen will, wenn ich es selber nicht wusste. Von der korrekten Betonung der Gerichte mal ganz abgesehen. Draufzeigen war auch schwierig, da es überall brechend voll war und die Köche um die Töpfe rumwuselten. Am Ende habe ich eine Tüte Chips für 10.000 Dong gekauft, die gibts hier auch. Über das leckere vietnamesische Essen und die phänomenalen Fruchtdrinks berichte ich nochmal extra.

Tet

Was für uns Weihnachten oder den US-Amerikaner Thanksgiving, ist für den Vietnamesen das Tet-Fest. Nur dauert es viel länger, nämlich ca. 2 Wochen und danach gibt es noch einige Festausläufer.

Tet ist die Feier zum neuen Jahr. Alle sind unterwegs, um die Familie zu besuchen. Es gibt Tet-Ferien an der Schule, in diesem Jahr waren sie vom 4. bis zum 10. Februar. Die Supermärkte sind geschlossen und die Firmen arbeiten nur, wenn es garnicht anders geht. Es ist ratsam, sich rechtzeitig mit Lebensmitteln einzudecken. Die Straßen in der Altstadt sind deutlich leerer, aber auch langweiliger. Alle Nichtvietnamesen, die nicht Tet feiern wollen, fahren in den Urlaub. Das war ein Grund, warum ich erst am 9. Februar in Vietnam ankam.

In Vietnam spielen Bräuche und Aberglauben eine ungeheure Rolle. Um gut ins neue Jahr zu kommen sind jede Menge Regeln zu beachten, so darf z.B. vor Tet nicht gestritten bzw. alte Streitigkeiten müssen beigelegt werden, Trunkenheit ist verboten (das scheint nicht zu klappen, wie man mir berichtete) und alle Schulden müssen beglichen werden, da man sonst arm sterben wird. Außerdem werden neue Kleider gekauft und man geht zum Friseur.

Am 5. Februar 2019 begann das Jahr des Erdschweins. Das Schwein ist ein Symbol des Glücks und des Reichtums. Ich bin übrigens ein Holzpferd. Menschen, die unter dem chinesischen Sternzeichen Pferd geboren sind, sind geistig und körperlich äußerst agil. Sie lieben es, in Bewegung zu sein und lassen keine Möglichkeit aus, um auf Reisen zu gehen. Gar nicht so falsch, oder? Neben einem der 12 Tierzeichen wird auch immer noch ein Element (Metall, Wasser, Holz, Feuer oder Erde) zugeordnet. So kommt die gleiche Kombination nur alle 60 Jahre vor.

Ich habe hier den ersten Arbeitstag nach Tet mitbekommen und in allen Firmen, an denen ich am Montag vorbeigelaufen bin, wurde gegessen und getrunken und erzählt. Das war auch bei Anna und Rainer nicht anders. Die Vietnamesen gehen außerdem davon aus, dass der erste Besucher ihres Hauses im Neuen Jahr das Familienglück im kommenden Jahr bestimmt. Deshalb betritt man am ersten Tag nie ein fremdes Haus ohne ausdrücklich vorher eingeladen worden zu sein. Im Büro wird genau festgelegt, wer als erstes den Raum betreten darf. Da darf man als Europäer keinen Fehler machen. In Anna’s Büro hatte eine Kollegin einen Käfig mit 28 wild piepsenden Vögeln mitgebracht, den sie für 500.000 Dong (der höchste Geldschein) gekauft hatte. Jeder sollte einen Vogel in die Hand nehmen und fliegen lassen, aber am Ende haben sie einfach nur die Käfigtür aufgemacht, um die traumatisierten Tiere in die Freiheit zu entlassen.

Ich nehme mal, dass die die Holzpferde und Puppen Überreste des Festes sind. Sie standen in einer Pagode und am Straßenrand.