Straßenverkehr ganz anders

Bislang erlebe ich jeden Tag soviel Neues und Aufregendes, dass ich garnicht weiß, wo ich anfangen soll. Diese Stadt ist für mich wie eine große Wundertüte. Ein Beispiel ist der heutige Tag. Ich bin am Nachmittag mit dem Taxi zu Felix in die Schule gefahren. Taxis sind hier sehr billig, in Kriftel kostet eine S-Bahn-Fahrt das Doppelte der hiesigen Taxitarife. Ich wollte direkt von der Schule weiter zum Zahnarzt mit ihm.

Eine Autofahrt ist ein Erlebnis für sich, wie überhaupt der gesamte Straßenverkehr für den Europäer kaum vorstellbar ist. Das muss man gesehen haben. Hier würde auch der Italiener den Mund nicht mehr zubekommen. Man muss sich den Verkehr hier wie einen riesigen Fischschwarm vorstellen, der durch irgendein Wunder völlig organisch funktioniert. Ich kann mich dem zu meinem eigenen Erstaunen problemlos einordnen und gehe zwischen Mopeds, Fahrrädern und Autos auf die andere Straßenseite ohne mich auch nur im mindesten um all das Gewusel um mich herum zu kümmern. Das ist der Trick. Als Fußgänger geht man auch nicht wie in Deutschland dem Verkehr am Straßenrand entgegen, sondern immer mit dem Verkehr. Man schaut sich nicht um. Alle Verkehrsteilnehmer beachten das, jeder schaut nur nach vorne oder höchstens zwischendurch mal auf das Smartphone. Alle fahren umeinander herum und in die kleinste sich bietende Lücke, um schneller vorwärts zu kommen.

Es gibt in Vietnam die Regel rechts vor links. Zebrastreifen gibt es auch hin und wieder, wenn sie auch meist etwas blass sind. Aber was solls, wenn es doch auch anders funktioniert! Es grenzt an ein Wunder, dass an einer Kreuzung alle Fahrzeuge auf einmal fahren und trotzdem da rauskommen, wo sie hinwollen. Die Geschwindigkeit der Fahrzeuge ist nicht allzu hoch, aber keiner steht, alles fließt. An ganz breiten Straßen gibt es Ampeln und die werden tatsächlich recht oft beachtet. Da ist man auch als Fußgänger etwas sicherer.

Heute jedenfalls hat mein Taxifahrer die falsche Schnellstraßenauffahrt genommen, es aber nach ca. 200m bemerkt. Er machte ein paar komische Geräusche und fuhr dann auf den Standstreifen, den es in diesem Fall ausnahmsweise mal gab. Das Auto ging aus und ich hatte erst den Verdacht, dass das Benzin alle sei. Fragen konnte ich ja nicht, hier kann nicht jeder Englisch. Aber dann begann er rückwärts aus der Auffahrt zu fahren, wendete auf halber Strecke und wurde sozusagen zum Geisterfahrer. Um uns herum nur Autos, die in die andere Richtung fuhren. Ich bemerke hier – im Gegensatz zu den Gepflogenheiten bei uns – keine Agression im Straßenverkehr. Es herrscht eine freundlich Gelassenheit und ein entgegenkommendes Fahrzeug wird genauso umspült wie andere Hindernisse. Eine rote Linksabbiegerampel wurde anschließend ignoriert und schon waren wir wieder in der korrekten Richtung im Schwarm. Ich hatte nie Angst, ich musste mich eher zusammenreißen, um nicht loszulachen, aber dann hätte ich ihn vielleich beleidigt.

Die Frage ist, ob es sich für meine nähere Verwandtschaft lohnen würde, in Hanoi eine Zweigstelle ihrer Fahrschule aufzumachen. Ich glaube nicht. Hier kann jeder zumindest einen Roller/ein Motorrad leihen ohne nach einem Führerschein gefragt zu werden. Es gibt wohl eine praktische Prüfung, aber wozu, wenn es auch ohne geht. An die Regeln hält sich eh keiner. Ob es einen Autoführerschein gibt und wie der aussieht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Eine Fahrschule habe ich bislang nicht gesehen.

 

Wolken, Regen und Lüften

Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass es auch Gegenden gibt, in denen ganzjährig die Sonne zur ungefähr gleichen Zeit auf- und untergeht. Hanoi gehört wegen der Äquatornähe dazu. Es ist aktuell hell von 6.30 bis 18 Uhr, die Dunkelheit kommt relativ schnell. Das ist das ganze Jahr ungefähr gleich. Kann man sich gut merken, aber eine Sommer- oder Winterzeit ist damit hinfällig. In Hanoi gilt ganzjährig Indochina Time.

Das Klima ist subtropisch mit feucht-heißen Sommern und kühlen Wintern. Insgesamt ist es ein eher nasses Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit. Ich kenne hier schon viele Leute und bekomme auf diese Weise immer gute Informationen. Ein Mann hat mir erzählt, dass er Hanoi wirklich toll findet, aber das Mikroklima das schlimmste wäre, dass er auf seinen vielen Reisen kennengelernt hätte. Hier gibt es keine Luft zum tiefen Durchatmen. Klimaanlagen und Luftentfeuchter machen in den Häusern noch das beste draus, aber mein Hang zum Durchlüften ist hier recht unnnütz. Ich mache trotzdem immer mal das Fenster weit auf. Alle Fenster haben Fliegengitter, das ist praktisch.

Für Februar scheint es im Moment schon recht warm zu sein (23-28 Grad), es regnet aber auch hin und wieder und der Himmel ist immer weißgrau. Rainer meinte, dass blauer Himmel während des ganzen Jahres eine Seltenheit ist. Der Januar muss hier furchtbar sein, da die Temperaturen auch mal auf 12 Grad runter gehen. Die Häuser haben alle keine Heizung und es ist feucht, so dass es nirgends einen Ort gibt, an dem man sich mal aufwärmen kann. Manche Leute arbeiten dann mit Handschuhen. Aber der Winter ist kurz.

Ich finde das Klima bislang nicht unangenehm. Ich brauche keinen Hut und keine Sonnenbrille und kann trotzdem draussen sitzen. Eine Regenjacke habe ich aber immer dabei. Die Luftfeuchtigkeit sorgt allerdings dafür, dass meine Haare sich gegen jegliche Form von Frisur sträuben. Ich föne glatt und 10 Minuten später kräuseln sie sich in alle Richtungen.

Ich bin auf den Sommer gespannt, den ich auch noch miterleben werde. Da ich jetzt schon manchmal verschwitzt bin, nachdem ich Lea in den Kindergarten gebracht habe, werde ich dann wahrscheinlich einen noch höheren Schmelzwert haben. Im Sommer geht hier keiner mehr vor die Tür, der nicht bedingt muss, es sei denn, er ist Tourist.

Versuch eines Selfies mit dem Fotoapparat