Das Land der 2 Kalender

Gestern habe ich meinen ersten organisierten Ausflug in das nähere Umland gemacht. Zum Treffpunkt bin ich mit dem Fahrrad gefahren. Ich bin nicht zum ersten Mal Fahrrad gefahren, aber ich muss sagen, das ist hier so garnicht mein Ding. Auf den Seitenstraßen geht es ja noch, aber auf den Hauptstraßen finde ich es schrecklich. Mopeds, die mich fast streifen und die fast von Autos gestreift werden. Aber manchmal ist es einfach praktisch und die meisten haben sich wohl nach ein paar Wochen dran gewöhnt. Wir werden sehen.

Zuerst ging die Fahrt zu Tempeln und Pagoden. Der Saint Giong-Tempel, auch Soc Son Temple genannt, befindet sich im Stadtteil Soc Son, 40 km vom Stadtzentrum entfernt. Mir war allerdings nicht bewusst, dass wir immer noch in Hanoi sind, da wir durch viele kleine Dörfer kamen. Am Straßenrand wurde frisches Fleisch auf Holztischen verkauft. Es sah aus, als wäre das Tier gerade erst geschlachtet worden.

Gestern war der 15. Februar und somit ein besonderer Tag, weil am 15. immer Vollmond ist. An diesem Tag gehen mehr Vietnamesen zum Beten in eine Pagode. Wer jetzt meint, dass gestern der 19. Februar war, hat natürlich auch recht.

Der doppelte Kalender

Die Vietnamesen rechnen mit 2 Kalendern. Im Geschäftsalltag wird der gregorianische Kalender verwendet. Bei religiösen, traditionellen oder familiären Feierlichkeiten benutzen sie den Mondkalender. Das kann natürlich leicht mal Verwirrung stiften. Da hilft nur Nachfragen.

Im Mondkalender haben die Monate keine Namen, es wird einfach durchgezählt. Jeder Monat hat genau 29,5 Tage, von Neumond zu Neumond, somit ist das Jahr insgesamt etwas zu kurz. Um das auszugleichen wird alle 4 Jahre ein Schaltmonat eingefügt. Das unterscheidet ihn übrigens vom islamischen Mondkalender.

Was habe ich also gelernt: 1. Gestern war der 19. Februar oder der 15. des zweiten Monats. 2. Schenke niemals einem Vietnamesen einen Kalender, damit kann er nichts anfangen, weil er nicht sehen kann, wann das Tet-Fest ist.

UNIS

Da in Hanoi viele Ausländer arbeiten und leben, gibt es auch entsprechend viele internationale Kindergärten und Schulen. Felix ist 7 Jahre alt und geht bei UNIS (United Nations International School of Hanoi) in die 1. Klasse. Kann- und Muss-Kinder gibt es hier nicht. Es gibt ein festgelegtes Datum und alle, die davor geboren sind, können sich anmelden. Von der UN gibt es nur 2 UNIS-Schulen weltweit, eine in New York und eine hier.

Es gibt 1123 Schüler mit 66 Nationalitäten, die 44 verschiedene Sprachen sprechen (Stand Mai 2018). Es gibt Lehrer aus 27 verschiedenen Ländern, wobei 88% aus Großbritannien, den USA, Australien, Neuseeland, Irland und Kanada kommen. Die Klassengröße bei UNIS Hanoi liegt je nach Klassenstufe zwischen 16 und 22 Schülern.

https://www.unishanoi.org

Die Schule kostet zwischen 24.000 und 30.000 $ pro Jahr (gestaffelt nach Klasse 1-12), dazu kommt eine Anmeldegebühr von 1000 $, 1100 $/Jahr für den Schulbus und zusätzliche Kosten für Unterricht in Sprachen. Optional sind u.a. Gebühren für Exkursionen, T-Shirts, Mittagessen und Sportveranstaltungen. Bei Expats wird das i.A. von der Firma übernommen. Auch sehr reiche Vietnamesen schicken ihre Kinder auf diese Schule, wobei der Anteil pro Klasse nicht mehr als 2 Kinder betragen soll, um den internationalen Charakter zu wahren.

Diese Schule ist eine besondere, sehr behütete Welt, die mit dem Hanoi ausserhalb wenig zu tun hat. In den Schulbus von Felix passen vielleicht 10 Kinder, aber es fährt eine Securitydame mit, die darauf achtet, dass alle angeschnallt sind (was hier in den Autos optional ist). Ich bringe Felix zum Bus, der direkt vor unserer Tür hält und er wird auch an mich bei Rückkehr wieder übergeben. Um Felix in der Schule abholen zu können, brauchte ich eine Identity Card und musste meinen Reisepass vorlegen. Als ich vor 3 Tagen das Gelände das erste Mal alleine betreten habe, um Felix für den Zahnarzt abzuholen, wollte ich ganz normal über den vorhandenen Zebrastreifen zum Klassenraum gehen. Ich wurde aber angehalten und von einem der vielen Securitymenschen drübergeleitet. So einen gebrechlichen Eindruck mache ich nun wirklich nicht :-). Das ist echt absurd. Die Schule selber hat alles, was das Herz begehrt, ganz besonders phantastische Sportstätten, aber davon ein ander Mal.


Stadt der Gegensätze

Ich habe Felix und seine 2 Freunde zu einem Kindergeburtstag in das Crown Palace gebracht, einem Luxushotel im Nam Từ Liêm District. Die Fahrt dauerte etwas 40 Minuten und mir wurde bewusst, wie groß Hanoi ist. Die Stadt hat ca. 3400 km² und 7 Mio. Einwohner. Wir waren immer noch im Innenstadtbereich.

Meine Fahrten mache ich hier überwiegend mit Grab. Grab muss man englisch aussprechen, damit es da keine falschen Assoziationen gibt. Grab ist der vietnamesiche Ableger von Uber, dem Fahrdienst, den man per Smartphone organisiert. Für mich ist das superpraktisch, da mein Standort vom Fahrer erkannt wird und ich vorher schon mein Ziel in der App eingebe. Der Fahrer kommt nach kürzester Zeit. Er weiß, wo ich hin will und der Preis wird direkt von meiner Kreditkarte abgebucht. Damit vermeide ich Missverständnisse, die bei falscher Aussprache der Straßennamen schnell entstehen können. Ist ja nicht so einfach mit der Verständigung und englisch sprechen die Fahrer nur selten. Gestern wollte sich ein Fahrer mit mir auf der Rückfahrt unterhalten. Oh je. Jedenfalls wühlte er irgendwann im Handschuhfach und zeigte mir sein Parfüm David Beckham. Dabei strahlte er mich an und ich lächelte nickend zurück.

In Hanoi gibt es arme und reiche Menschen, wie überall auf der Welt, aber der Unterschied wird mir hier viel deutlicher bewusst. Der Geburtstag von Felix‘ vietnamesischem Freund im Crown Plaza war luxuriös. Die Familie wohnt im 19. Stock des Hotels in einer mehrgeschossigen Wohnung. Nach Felix‘ Erzählungen ist der Vater der Manager des Hotels. Es gab für die Kinder einen Clown und einen Zauberer, eine Schaumrutschtour, ein Luftballonzimmer, einen Schusswettbewerb mit Nerfguns (könnt ihr mal googeln), einen Pool und und. Natürlich auch ein Buffet und einige Hilfskräfte. Das Ganze ging von 12 bis 18 Uhr und Felix war recht müde, als er wieder zu Hause war. Ich habe mich mit der Mutter von Hong Ha unterhalten. Eine ganz liebe, bezaubernde Person, die sich sehr für ihren Sohn gefreut hat.

Es gibt hier sehr viele Gegensätze, aber einer ist sicher die Architektur, die Spannung zwischen alt und neu. Ich dachte eigentlich, Hanoi wäre eine Stadt mit wenig Hochhäusern, aber da habe ich mich gründlich geirrt. Hier wird gebaut wie doll, immer höher, immer mehr, immer luxuriöser. Hanoi holt auf und will international mithalten. Bei der Fahrt durch die Stadt sieht man richtige Hochhausviertel. Manchmal ist auf der einen Straßenseite die Moderne und auf der anderen das Alte.

 

Straßenverkehr ganz anders

Bislang erlebe ich jeden Tag soviel Neues und Aufregendes, dass ich garnicht weiß, wo ich anfangen soll. Diese Stadt ist für mich wie eine große Wundertüte. Ein Beispiel ist der heutige Tag. Ich bin am Nachmittag mit dem Taxi zu Felix in die Schule gefahren. Taxis sind hier sehr billig, in Kriftel kostet eine S-Bahn-Fahrt das Doppelte der hiesigen Taxitarife. Ich wollte direkt von der Schule weiter zum Zahnarzt mit ihm.

Eine Autofahrt ist ein Erlebnis für sich, wie überhaupt der gesamte Straßenverkehr für den Europäer kaum vorstellbar ist. Das muss man gesehen haben. Hier würde auch der Italiener den Mund nicht mehr zubekommen. Man muss sich den Verkehr hier wie einen riesigen Fischschwarm vorstellen, der durch irgendein Wunder völlig organisch funktioniert. Ich kann mich dem zu meinem eigenen Erstaunen problemlos einordnen und gehe zwischen Mopeds, Fahrrädern und Autos auf die andere Straßenseite ohne mich auch nur im mindesten um all das Gewusel um mich herum zu kümmern. Das ist der Trick. Als Fußgänger geht man auch nicht wie in Deutschland dem Verkehr am Straßenrand entgegen, sondern immer mit dem Verkehr. Man schaut sich nicht um. Alle Verkehrsteilnehmer beachten das, jeder schaut nur nach vorne oder höchstens zwischendurch mal auf das Smartphone. Alle fahren umeinander herum und in die kleinste sich bietende Lücke, um schneller vorwärts zu kommen.

Es gibt in Vietnam die Regel rechts vor links. Zebrastreifen gibt es auch hin und wieder, wenn sie auch meist etwas blass sind. Aber was solls, wenn es doch auch anders funktioniert! Es grenzt an ein Wunder, dass an einer Kreuzung alle Fahrzeuge auf einmal fahren und trotzdem da rauskommen, wo sie hinwollen. Die Geschwindigkeit der Fahrzeuge ist nicht allzu hoch, aber keiner steht, alles fließt. An ganz breiten Straßen gibt es Ampeln und die werden tatsächlich recht oft beachtet. Da ist man auch als Fußgänger etwas sicherer.

Heute jedenfalls hat mein Taxifahrer die falsche Schnellstraßenauffahrt genommen, es aber nach ca. 200m bemerkt. Er machte ein paar komische Geräusche und fuhr dann auf den Standstreifen, den es in diesem Fall ausnahmsweise mal gab. Das Auto ging aus und ich hatte erst den Verdacht, dass das Benzin alle sei. Fragen konnte ich ja nicht, hier kann nicht jeder Englisch. Aber dann begann er rückwärts aus der Auffahrt zu fahren, wendete auf halber Strecke und wurde sozusagen zum Geisterfahrer. Um uns herum nur Autos, die in die andere Richtung fuhren. Ich bemerke hier – im Gegensatz zu den Gepflogenheiten bei uns – keine Agression im Straßenverkehr. Es herrscht eine freundlich Gelassenheit und ein entgegenkommendes Fahrzeug wird genauso umspült wie andere Hindernisse. Eine rote Linksabbiegerampel wurde anschließend ignoriert und schon waren wir wieder in der korrekten Richtung im Schwarm. Ich hatte nie Angst, ich musste mich eher zusammenreißen, um nicht loszulachen, aber dann hätte ich ihn vielleich beleidigt.

Die Frage ist, ob es sich für meine nähere Verwandtschaft lohnen würde, in Hanoi eine Zweigstelle ihrer Fahrschule aufzumachen. Ich glaube nicht. Hier kann jeder zumindest einen Roller/ein Motorrad leihen ohne nach einem Führerschein gefragt zu werden. Es gibt wohl eine praktische Prüfung, aber wozu, wenn es auch ohne geht. An die Regeln hält sich eh keiner. Ob es einen Autoführerschein gibt und wie der aussieht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Eine Fahrschule habe ich bislang nicht gesehen.

 

Wolken, Regen und Lüften

Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass es auch Gegenden gibt, in denen ganzjährig die Sonne zur ungefähr gleichen Zeit auf- und untergeht. Hanoi gehört wegen der Äquatornähe dazu. Es ist aktuell hell von 6.30 bis 18 Uhr, die Dunkelheit kommt relativ schnell. Das ist das ganze Jahr ungefähr gleich. Kann man sich gut merken, aber eine Sommer- oder Winterzeit ist damit hinfällig. In Hanoi gilt ganzjährig Indochina Time.

Das Klima ist subtropisch mit feucht-heißen Sommern und kühlen Wintern. Insgesamt ist es ein eher nasses Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit. Ich kenne hier schon viele Leute und bekomme auf diese Weise immer gute Informationen. Ein Mann hat mir erzählt, dass er Hanoi wirklich toll findet, aber das Mikroklima das schlimmste wäre, dass er auf seinen vielen Reisen kennengelernt hätte. Hier gibt es keine Luft zum tiefen Durchatmen. Klimaanlagen und Luftentfeuchter machen in den Häusern noch das beste draus, aber mein Hang zum Durchlüften ist hier recht unnnütz. Ich mache trotzdem immer mal das Fenster weit auf. Alle Fenster haben Fliegengitter, das ist praktisch.

Für Februar scheint es im Moment schon recht warm zu sein (23-28 Grad), es regnet aber auch hin und wieder und der Himmel ist immer weißgrau. Rainer meinte, dass blauer Himmel während des ganzen Jahres eine Seltenheit ist. Der Januar muss hier furchtbar sein, da die Temperaturen auch mal auf 12 Grad runter gehen. Die Häuser haben alle keine Heizung und es ist feucht, so dass es nirgends einen Ort gibt, an dem man sich mal aufwärmen kann. Manche Leute arbeiten dann mit Handschuhen. Aber der Winter ist kurz.

Ich finde das Klima bislang nicht unangenehm. Ich brauche keinen Hut und keine Sonnenbrille und kann trotzdem draussen sitzen. Eine Regenjacke habe ich aber immer dabei. Die Luftfeuchtigkeit sorgt allerdings dafür, dass meine Haare sich gegen jegliche Form von Frisur sträuben. Ich föne glatt und 10 Minuten später kräuseln sie sich in alle Richtungen.

Ich bin auf den Sommer gespannt, den ich auch noch miterleben werde. Da ich jetzt schon manchmal verschwitzt bin, nachdem ich Lea in den Kindergarten gebracht habe, werde ich dann wahrscheinlich einen noch höheren Schmelzwert haben. Im Sommer geht hier keiner mehr vor die Tür, der nicht bedingt muss, es sei denn, er ist Tourist.

Versuch eines Selfies mit dem Fotoapparat

Glücksbotschaften

Bei einer Pagode am West Lake ist seit Tet ein Markt, zu dem viele Vietnamesen aus dem Umland kommen. Er wird wohl demnächst enden, deswegen wollte ich da unbedingt hin. Ich habe nicht einen einzigen Europäer gesehen und wurde von den Vietnamesen wohlwollend ignoriert. Auf dem Markt saßen Männer in roten Umhängen, die mit kalligraphischen chinesischen Schriftzeichen Wünsche für das neue Jahr auf eine Schriftrolle schreiben. Vor allem wird um gute Leistungen der Kinder an der Schule gebeten. Die Schriftrolle wird zu Hause an einem Ehrenort aufgehängt oder es wird gleich eine zum Verschenken angefertigt. Ich habe die ehrenvollen Männer nicht gezählt, aber 100 Kalligraphen habe ich mindestens gesehen.

Daneben konnte man auf dem Markt jede Menge diverser Glückssymbole kaufen. Dem Kitsch waren keine Grenzen gesetzt.

Irgendwann habe ich Hunger bekommen, aber die Essensbeschaffung war für mich nicht zu bewältigen. Es gab jede Menge Stände mit vielen kleinen Stühlen, aber alle waren besetzt. Es gab an jedem Stand die exakt gleichen Gerichte, Shrimps in Teig (?), irgendwas in einem grünem Blatt (?), Fleischspießchen und Suppen. Außerdem wurde man überall bedient und wie sollte ich der Bedienung klar machen, was ich essen will, wenn ich es selber nicht wusste. Von der korrekten Betonung der Gerichte mal ganz abgesehen. Draufzeigen war auch schwierig, da es überall brechend voll war und die Köche um die Töpfe rumwuselten. Am Ende habe ich eine Tüte Chips für 10.000 Dong gekauft, die gibts hier auch. Über das leckere vietnamesische Essen und die phänomenalen Fruchtdrinks berichte ich nochmal extra.

Tet

Was für uns Weihnachten oder den US-Amerikaner Thanksgiving, ist für den Vietnamesen das Tet-Fest. Nur dauert es viel länger, nämlich ca. 2 Wochen und danach gibt es noch einige Festausläufer.

Tet ist die Feier zum neuen Jahr. Alle sind unterwegs, um die Familie zu besuchen. Es gibt Tet-Ferien an der Schule, in diesem Jahr waren sie vom 4. bis zum 10. Februar. Die Supermärkte sind geschlossen und die Firmen arbeiten nur, wenn es garnicht anders geht. Es ist ratsam, sich rechtzeitig mit Lebensmitteln einzudecken. Die Straßen in der Altstadt sind deutlich leerer, aber auch langweiliger. Alle Nichtvietnamesen, die nicht Tet feiern wollen, fahren in den Urlaub. Das war ein Grund, warum ich erst am 9. Februar in Vietnam ankam.

In Vietnam spielen Bräuche und Aberglauben eine ungeheure Rolle. Um gut ins neue Jahr zu kommen sind jede Menge Regeln zu beachten, so darf z.B. vor Tet nicht gestritten bzw. alte Streitigkeiten müssen beigelegt werden, Trunkenheit ist verboten (das scheint nicht zu klappen, wie man mir berichtete) und alle Schulden müssen beglichen werden, da man sonst arm sterben wird. Außerdem werden neue Kleider gekauft und man geht zum Friseur.

Am 5. Februar 2019 begann das Jahr des Erdschweins. Das Schwein ist ein Symbol des Glücks und des Reichtums. Ich bin übrigens ein Holzpferd. Menschen, die unter dem chinesischen Sternzeichen Pferd geboren sind, sind geistig und körperlich äußerst agil. Sie lieben es, in Bewegung zu sein und lassen keine Möglichkeit aus, um auf Reisen zu gehen. Gar nicht so falsch, oder? Neben einem der 12 Tierzeichen wird auch immer noch ein Element (Metall, Wasser, Holz, Feuer oder Erde) zugeordnet. So kommt die gleiche Kombination nur alle 60 Jahre vor.

Ich habe hier den ersten Arbeitstag nach Tet mitbekommen und in allen Firmen, an denen ich am Montag vorbeigelaufen bin, wurde gegessen und getrunken und erzählt. Das war auch bei Anna und Rainer nicht anders. Die Vietnamesen gehen außerdem davon aus, dass der erste Besucher ihres Hauses im Neuen Jahr das Familienglück im kommenden Jahr bestimmt. Deshalb betritt man am ersten Tag nie ein fremdes Haus ohne ausdrücklich vorher eingeladen worden zu sein. Im Büro wird genau festgelegt, wer als erstes den Raum betreten darf. Da darf man als Europäer keinen Fehler machen. In Anna’s Büro hatte eine Kollegin einen Käfig mit 28 wild piepsenden Vögeln mitgebracht, den sie für 500.000 Dong (der höchste Geldschein) gekauft hatte. Jeder sollte einen Vogel in die Hand nehmen und fliegen lassen, aber am Ende haben sie einfach nur die Käfigtür aufgemacht, um die traumatisierten Tiere in die Freiheit zu entlassen.

Ich nehme mal, dass die die Holzpferde und Puppen Überreste des Festes sind. Sie standen in einer Pagode und am Straßenrand.

Tay Ho

Ich wohne im Stadtteil Tay Ho, dem West Lake District. Das Old Quarter, an dem die meisten Touristen interessiert sind, liegt 6 km weiter südlich.

Auf der Karte sieht es vielleicht klein aus, aber der District hat 24 km² und 130.000 Einwohner und man kann sich ganz prima verlaufen.

Das Viertel ist kosmopolitisch, da hier sehr viele Expats wohnen. Das sind Menschen, die von einem international tätigen Unternehmen an eine ausländische Zweigstelle entsandt werden. Auch wenn es hier internationale Restaurants und Geschäfte gibt, ist das Viertel nicht mit einer europäischen Großstadt vergleichbar. Ich weiß noch garnicht richtig, mit was es vergleichbar wäre. So habe ich bislang z.B. nur selten einen Bürgersteig gefunden. Besonders fehlt er da, wo viel Verkehr ist. Mit anderen Worten, der Fußgänger ist hier das schwächste Glied, ich sehe auch selten Vietnamesen die Straße entlang laufen. Ich mache das aber, da ich keinen kleinen Laden habe, in dem ich mich den ganzen Tag aufhalte. Ich laufe irgendwie am Straßenrand und werde umspült von Mopeds und Autos. Mopeds sind eindeutig das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Ich werde demnächst Fahrrad fahren und schauen, wie sich das anfühlt.

Neben Autostraßen gibt es am laufenden Band Gassen und Verbindungswege, die etwas ruhiger sind. Da beginnt dann der Orientierungssinn zu versagen. Gestern bin ich in einer Sackgasse gelandet, die von einem Mann bewacht wurde. Dienstleistung wird hier groß geschrieben. Hin und wieder geht eine Gasse nach einer Hauseinfahrt weiter. Originell.

Toreinfahrt, die zur Gasse wird, habe ich nur zufällig entdeckt..

Der West Lake ist der größte See von Hanoi mit einem Umfang von 18,6 km. Also ein wirklich großer See für eine Großstadt. An meinem Ankunftstag bin ich gleich mit Rainer und Felix auf dem Moped am See entlang gefahren, das war meine Hanoi-Feuertaufe. 3 Menschen auf einem Moped sind nicht ungewöhnlich, es werden auch gerne Babys oder Tiere so transportiert. Einige Mopedfahrer tragen immerhin einen Helm, viele verpacken sich mit Mundschutz, Brille und langen Handschuhen. Nicht etwa gegen schlechte Luft, sondern um nicht braun zu werden. Das ist nämlich nicht schick. Nach meinem heutigen Ausflug denke ich, doch, die tragen den Mundschutz auch aus Staubgründen. Die Straßenränder sind oft nicht besonders befestigt.

Ein kleines Stück vom See. So ist das Wetter hier ganz oft, grauer Himmel, warm und neblig.

Das sind die ersten Eindrücke nach 2 Tagen, mal sehen, wie sich das noch verfeinert oder korrigiert.

Mein Zuhause

Ich wohne in einem wunderschönen Haus im französischen Kolonialstil. Die Wohnung hat 3 Stockwerke und 4 Badezimmer und eins davon ist für mich :-). Das Eingangstor ist mit einem normalen Vorhängeschloss versperrt. Es gibt hier zwar keine Einbrüche, aber es ist schon vorgekommen, dass jemand angefangen hat, den Hof zu fegen und dann dafür natürlich auch entlohnt werden wollte.

Wenn man reinkommt, ist man auch gleich richtig drin. Es gibt keinen Flur.

Mein Zimmer liegt im ersten Stock. Obwohl ich einen kleinen Balkon habe, macht man hier die Fenster meistens nicht auf. Abgesehen davon, dass die Fenstervorrichtungen klemmen, ist die Luft draussen schwüler als drinnen und würde keine Erleichterung verschaffen. Dafür läuft die Klimaanlage auf angenehmen 26 Grad und der Luftentfeuchter sammelt das Wasser ein. Ich habe ihn schon geleert, er hatte in ein paar Stunden einige Liter Wasser aufgefangen. Ich merke jetzt schon, dass meine Haut sich anders anfühlt.

Der Flug

Ich fange beim Anfang an, auch wenn innerhalb der letzten 24 Stunden schon so viel passiert ist.

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Vietnames Airlines kann ich nur empfehlen. CheckIn reibungslos, der Abflug pünktlich um 13.55 Uhr, das Flugzeug modern. Viel mehr Platz hat man aber trotzdem nicht. Ich hatte einen netten Sitznachbarn und in der Reihe vor man unterhielt man sich auf schwäbisch, ob man mit Stäbli auch essen könnte. Die erste Mahlzeit um 14.30 Uhr war typisch vietnamesich :-): Rouladen mit Wirsing und Kartoffelbrei – in einer für Flugzeugverhältnisse ausgezeichneten Qualität serviert von Stewardessen in langen Kleidern. Sehr hübsch. Allerding war ihr Englisch rudimentär, was bei meinem Nachbarn zu einem Missverständnis führte. Er wollte ein Glas Wein und fragte, ob er auch cold wäre. „Oh, you want a wine with Coke. No problem!“. Nach einigem Hin und Her hat er den Wein in der vorhandenen Temperatur getrunken.

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Ich hatte zu Hause überlegt, wie die Flugroute ist, aber wenn man die Erdkrümmung nicht berücksichtigt, dann liegt man oft nicht ganz richtig. Wir sind über Rumänien geflogen. Im Bild müsste Transilvanien zu sehen sein. Dann ging es weiter über das Schwarze Meer, Aserbaidschan, Afghanistan, Indien, Nepal und Myanmar, um nur einige zu nennen.

Gegen 16.00 Uhr wurde es drinnen und draußen dunkel.  Irgendwann wurde noch ein Abendessen serviert und bis auf einige Turbulenzen und ein Luftloch war alles in Ordnung. Allerdings ist es ein beängstigendes Gefühl, wenn das Flugzeug plötzlich  absackt und einige Schreie zu hören sind. Ich brauchte ein bisschen, bis sich mein Herzschlag wieder normalisiert hatte. Die Sonne ging auf, als wir kurz vor Hanoi waren. Als wir im Landeanflug waren und ich aus dem Fenster schaute, hätten wir auch in Frankfurt sein können. Unter uns ein Autobahn, links und rechts grüne Felder und kleine Siedlungen. Es sah auf den ersten Blick gar nicht so anders aus als bei uns. Gelandet bin ich um 6.00 Uhr Ortszeit, für mich war es allerdings Mitternacht.

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Am Visum-Schalter ging es schnell. Ernste Gestalten in Militäruniformen, die meinen Reisepass fotografierten, beklebten und 25 Dollar kassierten. Nochmal ein Scan am Immigration-Schalter, dann den Koffer geholt und schon war ich draussen. Rainer und Felix warteten schon. Es war schwülwarm. Im Gegensatz übrigens zu heute, es ist bedeckt und es sieht nach Regen aus.

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