Halbzeit

Zeit für ein Resümeé. Ich kann nach meinen ersten 6 Wohen nur sagen, dass ich keine Sekunde bereue. Hanoi ist ein besonderes Abenteuer. Die Stadt hat mich nicht so erobert wie San Francisco (SF), aber ich erinnere noch sehr genau, dass auch SF Schmuddelecken und viele Obdachlose hat. Hier ist es eher umgekehrt, es gibt auch schöne Ecken und keine (sichtbaren) Obdachlosen. Wenn ich meine Zeit hier mit meinem ersten Granny Aufenthalt in San Francisco vergleiche, kommen mir ganz eigenwillige Dinge in den Sinn.

In SF konnte ich mit Maia über die Straße gehen, ohne nach rechts oder links zu schauen. Die Autos hielten immer schon an, wenn wir noch 50 m von der Straße entfernt waren. Der Fußgänger hatte Vorrang. Hier muss man schon dem Autofahrer auf die Kühlerhaube springen, damit er anhält. Ich bin immer froh, wenn ich Felix sicher mit dem Fahrrad irgendwo abgeliefert habe.

In SF war es völlig normal, bei Dienstleistungen aller Art 15-20 % Trinkgeld zu geben, das war manchmal eine ganze Menge und mehr als wir im allgemeinen in Deutschland gewöhnt sind. In Hanoi ist Trinkgeld die Ausnahme. Ich hatte mal einen Rückgeldbetrag auf dem Tisch liegen gelassen, der wurde mir hinterhergebracht. Außerdem brauchte man in SF so gut wie nie Bargeld, alles konnte mit der Kreditkarte bezahlt werden. Das ist in Hanoi die absolute Ausnahme.

In SF stehen die Menschen mit viel Geduld in der Schlange an. Es gibt kein Drängeln und kein Meckern. Hier wird sich einfach nach vorne geschoben oder beim Anstehen völlig skrupellos überholt. Wenn man auch drankommen will, macht man am besten mit. Das ist nicht durchgängig so, kommt aber doch vor.

SF ist eine teure Stadt, das gilt für alles und jedes. In Hanoi sind die Lebenshaltungskosten für mich extrem günstig. In SF bin ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, weil es eine günstige und zuverlässige Alternative war. Der Bus hielt vor der Tür, die Bahn, U-Bahn, Straßenbahn und Cable Car waren nicht weit. Hier fahre ich mit Grab, das ist viel preiswerter als bei uns die öffentlichen Verkehrsmittel. Es gibt auch hier Busse (allerdings auch nur die), aber die Haltestelle ist recht weit weg.

In SF war der Himmel fast immer strahlend blau, das dazugehörige Wetter konnte von eiskalt bis richtig heiss sein. Hier ist der Himmel fast immer grau und wolkenverhangen, beim dazugehörigen Wetter ist es aber das Gleiche, na ja eiskalt wird es hier nicht, aber bis 18 Grad kühl. Ich weiß jedenfalls jetzt, was man unter subtropisch versteht.

In SF kannte ich mich nach 6 Wochen so gut aus, dass ich nur noch selten einen Stadtplan brauchte. Die Stadt ist mit ihren 800.000 Einwohnern recht übersichtlich. Hier gelingt mir das nicht. Ich habe zwar den Überblick in Tay Ho und kann inzwischen auch schon einige Straßennamen richtig aussprechen, aber darüber hinaus bin ich auf Navigation unbedingt angewiesen, sonst wüsste ich oft nicht, wo ich überhaupt grade bin.

Mit meinen Familien hatte ich in beiden Städten großes Glück. Da gibt’s echt nix zu meckern :-).