Philosophisches

Ich bin seit 2 Monaten hier, aber was ein Kulturschock ist, weiss ich immer noch nicht wirklich. Vielleicht bekomme ich den in Kriftel, wenn ich mitten im Berufsverkehr über die Straße laufen will oder einfach gegen den Verkehr in einen Kreisel fahre. Vielleicht werde ich mich auch wundern, warum bei uns alle Geschäfte Türen haben und dass man auf Bürgersteigen auch wirklich laufen kann.

Die Temperaturen klettern in die Höhe und unter 30 Grad wird es jetzt kaum noch. Selbst wenn mal ein bisschen Regen fällt, bleibt es heiss. Die Kleidung klebt am Körper und am liebsten hätte ich ein Meer in der Nähe – oder wenigstens einen Pool. Da ich alle relevanten Sehenswürdigkeiten bereits besucht habe, erkunde ich jetzt die Parks und Seen der Stadt.

Ich fühle mich sehr im Hier und Jetzt, wenn ich mich durch Hanoi treiben lasse. Muss ich aber auch, sonst werde ich überfahren oder trete in eine Vertiefung oder in Hundehinterlassenschaften. Heute war ich im Indira Ghandi Park, der am Thang Cong Lake liegt. Der Grabfahrer hat mich allerdings nicht dort abgesetzt, obwohl ich das als Ziel angegeben hatte, sondern vor der amerikanischen Botschaft. So musste ich also noch 600 m weiter laufen. Er konnte sich wohl nicht vorstellen, dass Touristen in Parks gehen.

Ich habe mir auch die Umgebung des Parks angeschaut und war wieder mal sprachlos. Ich bin durch einen Markt gelaufen, der vom Angebot und Geruch auch ins Mittelalter gepasst hätte. Jedenfalls in das, wie ich es mir manchmal vorstelle. Das Buch Das Parfum kam mir in den Sinn. In der Hitze wurden Fische ausgenommen, die Reste auf dem Boden verteilt, Fleisch lag zum Verkauf auf Holzbrettern, daneben wurde Suppe gekocht und Babykleidung sortiert. Es stank, was aber keinen der Verkäufer störte. Der Müll und Schmutz wurde ignoriert. Zwischen all den Ständen fuhren Mopeds und hockende Menschen unterhielten sich schreiend. Diese Stadt ist so laut, dass normale Lautstärke oft nicht funktioniert.

500 m später stehe ich vor dem Lotte-Center, einem Glaspalast mit Shopping-Mall, der allen europäischen Ansprüchen genügt. Auf dem Weg gibt es Verfall, sehr viele Baustellen (wie im Moment überall in Hanoi) und Hochhäuser. Die alten vietnamesischen Häuser machen keinen einladenden Eindruck. Auf den Balkonen hängt überall Wäsche. Sie wirken alle sehr düster.

Mir wird bewusst, wie wenig ich weiß. Wie gering meine Kenntnisse vom Leben der anderen Mitbewohner auf unserem Planeten sind. Wie viele Möglichkeiten es gibt, dieses Leben zu leben oder zu betrachten. Und nicht nur das Leben, auch den Tod. Wie viele Menschen mit völlig anderen Regeln, Zeremonien und Vorgaben aufwachsen. Das Internet öffnet auch hier den Blick in die Welt, weil selbst die Bauarbeiter oder Obstverkäufer ein Smartphone haben. Ich bin gespannt, wie dieser Blick die tief verwurzelten Lebensregeln verändern wird. Hier geht alles viel, viel schneller als bei uns. Vom Wasserbüffel zum Fahrrad zum Moped war ein weiter Weg, aber von da zum Smartphone ging es schnell. Ich werde das Land ab jetzt ganz anders im Auge behalten, wohl wissend, dass es auf dieser Erde noch jede Menge andere Länder gibt, von denen ich keine Ahnung habe.

Aberglaube und Ahnenkult

Die wahre Religion in Nordvietnam ist die Ahnenverehrung, sie ist allgegenwärtig. Verstorbene prägen den Alltag der Familien noch fünf Generationen nach deren Tod. Für sie wird ein Altar in der Wohnung aufgestellt, über dem Bilder der Verstorbenen hängen. Meist sind die Altäre im obersten Stockwerk eines Hauses, da auch kräftig Räucherstäbchen abgebrannt werden. Aber es werden auch Obst, Reis oder Alkohol hingestellt und Geld, Smartphones, Autos oder Häuser (alle aus Papier) verbrannt. Dafür gibt es eine ganze Industrie und man kann alles in speziellen Läden kaufen. Der Verstorbene lebt nach hiesiger Vorstellung in einer Parallelwelt, die der unseren nicht unähnlich ist. Er soll es gut haben und der Rauch trägt die Dinge ins Jenseits. Das Obst wird nach einiger Zeit gegessen und der Alkohol auf das Wohl der Ahnen von den Lebenden getrunken.

Der Artikel beschreibt sehr schön, wie der Verkauf der Devotionalien boomt: https://www.opfergaben-in-vietnam-brennendes-geld-fuers-jenseits/.

Im Gegensatz zum Geburtstag, der bei den traditionellen Vietnamesen keine Rolle spielt, ist der Todestag der Ahnen von immenser Bedeutung. So wird also jeder einzelne Todestag gefeiert wie bei uns ein Geburtstag. Schade, dass die Betroffenen nichts mehr davon haben. Man feiert übrigens zu Hause, wo die Seele wohnt und nicht, wo der Körper begraben wurde.

In Vietnam werden immer noch Wahrsager befragt. Sie ermitteln u.a. den richtigen Zeitpunkt, ein Haus zu bauen oder für den Autokauf. Sie bestimmen den passenden Termin für eine Hochzeit und den richtigen Augenblick für den Familienzuwachs. Das ist ja hier sowieso nicht ganz einfach, da alle sehr eng beieinander wohnen. Um eine gewisse Intimität herzustellen und dem Wahrsager dann auch gerecht zu werden, gibt es überall in der Stadt Stundenhotels, in die sich junge Paare zurückziehen können.

Welche Sternzeichen zueinander passen, gibt das Horoskop bereits vorher vor. Dieses sagt auch aus, an welchen Tagen man am besten zum Friseur geht oder auf eine Reise. Verbunden sind wichtige Zeremonien mit festgelegten Ritualen, aber Räucherstäbchen kommen immer vor. Die Vietnamesen zündeln unglaublich gerne.