Mülltrennung auf vietnamesich

Alles, was ich hier schreibe, gilt nur für Hanoi. Vielleicht machen die Menschen im Süden einiges anders, sie haben ja eine andere Geschichte. Meine Blogs basieren in erste Linie auf eigenen Beobachtungen, in zweiter auf Nachfragen bei Anna und Rainer und erst in dritter auf Internetrecherche.

Der Müll wird zu kleinen, offenen Containern gebracht oder einfach am Straßenrand abgestellt. Frauen (Waste Picker) durchwühlen den Müll und suchen nach Metall, Plastik, Glas und Papier. Das sehe ich hier ständig. Ich habe heute eine Frau beobachtet, die mit den Füssen die Mülltüte erfühlt hat, um zu „sehen“, ob noch Verwertbares darin ist. Die Frauen „arbeiten“ in einer ungeregelten Grauzone und verkaufen ihre Wertstoffe an kleine Recyclingunternehmen weiter. Hier um die Ecke ist auch eines. Anna und Rainer trennen schon zu Hause, um den Frauen das Leben leichter zu machen.

Essensreste werden auch mal von freilaufenden Hunden aus den Plastiktüten gezerrt. Morgens sehen Lea und ich immer Hühner, die beim Müll was auch immer aufgepicken. Es gibt natürlich die offizielle Müllabholung, die wohl 2x am Tag kommen soll, weil es hier so schwül ist und dann auch stinkt. Aber ich sehe manchen Müllhaufen schon seit Tagen rumliegen.

Blätter, Pflanzen und Papier werden überall angezündet. An manchen Tagen ist die Luft dadurch vernebelt und es riecht entsprechend. Auch das entspricht nicht unseren Vorstellungen von Luftreinhaltung.

Bei alldem gehe ich nicht durch die Stadt, um zu verurteilen oder zu bewerten, sondern um zu verstehen. Vietnam ist in etwa an dem Punkt, an dem wir in Deutschland Anfang der 60er Jahre waren, als in den Autos und Büros geraucht wurde und wir uns um Umweltschutz auch keine Gedanken machten. Ausländisches KnowHow kann hier unterstützen und tut das auch. Anna arbeitet im Bereich Umweltschutz mit dem hiesigen Umweltministerium zusammen.

Vietnam ist auch in dieser Hinsicht ein Land der Gegensätze. Die eine Seite: Der Strombedarf in Vietnam wird sich in den nächsten zehn Jahren verdreifachen. Das Land setzt dabei auf Kohle. Die andere Seite: Müllverwertungsanlagen (Waste to Energy) stehen bei der vietnamesischen Regierung hoch im Kurs. Eine erste Anlage, der Nam Son Waste Treatment Complex in Hanoi, befindet sich in der Probephase.

Hier noch ein Artikel zu diesem Thema:

https://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Branchen/Branche-kompakt/branche-kompakt-recycling-und-entsorgungswirtschaft,t=branche-kompakt-vietnam-sagt-dem-muell-den-kampf-an,did=1912848.html

Thanh Chuong Palace

Nach der Besichtigung der Pagoden/Tempel sind wir weiter zum Thanh Chuong Palace gefahren. Welch eine Idylle mitten im Naturschutzgebiet.

It is said that painting is one way to understand the world, I want to add, that it’s also a way to love the world (Thanh Chuong). Thang Chuong ist einer der bedeutendsten Künstler Vietnams. Er galt als Wunderkind, als er im Alter von sieben Jahren zu zeichnen begann. Er gewann bereits mit 8 Jahren seinen ersten Preis. Seine Arbeit ist heute ein zentraler Punkt in der vietnamesischen Kultur und Kunst.

Der Garten mit vielen Gebäuden und noch mehr Kunst wurde 2001 vom Künstler angelegt. Die Stadt Hanoi hatte den Bau erlaubt. Da der Garten in einem Naturschutzgebiet liegt, hätte auch die Zentralregierung ihre Zustimmung geben müssen. Da dies bis heute nicht geschehen ist, ist immer noch ein kleiner Zwist beizulegen.

Es ist wunderschön hier. Man geht durch diesen privaten Park, entlang an kleinen Seen und wird an jeder Ecke und auch dazwischen von traditioneller und moderner Kunst überrascht. Nirgends eine Überwachungskamera, nirgends Security. Wir haben auch eine Wohnung besichtigt und waren alle etwas unsicher, ob das so gedacht ist und nicht gleich der Künstler halbnackt aus dem Bad kommt. Auf dem Gelände befindet sich auch ein Restaurant, in dem wir anschließend wunderbar gegessen haben.

Ich habe bislang in Hanoi keine Parks gesehen. Ein kleines Stückchen Wiese gibt es hier an einem Kinderspielplatz zwischen den Spielgeräten. Die ist am Wochenende völlig übervölkert. An den Pagoden ist auch etwas Grünfläche, aber das ist nicht der Platz, wo man sich hinsetzt, um ein Buch zu lesen.

PS: Die Bilder sind manchmal breiter als hier zu sehen. Einfach draufklicken, dann kommt eine Bildergalerie.


Tempel und Pagoden

Wenn man ein Ausflugsziel besucht, sitzen – ähnlich wie bei uns – Souvenirverkäufer vor dem Eingang. Allerdings gibt es hier natürlich etwas andere Mitbringsel. Ich habe etwas gesehen, dass aussah wie ein Stück Büffelhorn. Ansonsten jede Menge Kitsch in Gold und Rot. Das sind schon immer die Farben der höhergestellten Persönlichkeiten. Man sollte auch heute noch nicht unbedingt mit goldgelbem Hemd ins Büro gehen, wenn man nicht wirklich der Boss ist.

Was ist nun eigentlich der Unterschied zwischen einem Tempel und einer Pagode? In einer Pagode wird immer zu Buddha gebeten, in einem Tempel zu anderen Gottheiten, aber auch mal zur Mutter einer Gottheit, einem berühmten General oder anderen Persönlichkeiten, die sich für Vietnam verdient gemacht haben. In Hanoi gibt es jede Menge Pagoden und trotzdem kann man nicht sagen, dass Vietnam buddhistisch ist. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung bekennt sich zum Buddhismus, trotzdem gehen viele in Pagoden, um hier für Glück, Wohlstand und Gesundheit zu beten. Der vietnamesische Buddhismus ist eigen, da diverse Buddhas nebeneinander existieren und in einer Pagode auch zusätzlich mal andere Muttergottheiten vertreten sind. Laut Reiseleiter ist die vorherrschende Religion, wenn man sie denn überhaupt so bezeichnen will, eine Mischung aus Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus, angereichert mit vietnamesischen Spezialitäten. Insgesamt gibt es sehr viel Aberglaube, Rituale, Ahnenkult, Geisterglaube und Gebete, das muss ich aber noch mal extra abhandeln. Offiziell sind ca. 85 % aller Vietnamesen Atheisten.

Ich konnte gestern weder äußerlich noch drinnen einen Unterschied zwischen Tempeln und Pagoden erkennen. Der Reiseleiter war angesichts unserer Frage auch etwas unsicher, meinte aber, dass Pagoden oft ein geschwungenes Aussendach hätten. In jedem Fall werden vorher die Räucherstäbchen angezündet (wie hier überall sowieso gerne gezündelt wird). Sie kommen in ein Behältnis und dann wird mit gefalteten Händen kurz innegehalten und sich verbeugt.

Das ist also eine Pagode

Innen ist es in jedem Fall gold-rot überladen. Die Besucher richten auf Schalen, die vor jedem Haus stehen, ihre Opfergaben an. Es ist i.a. etwas zum Essen oder Trinken, manchmal aber auch Geld. Wir haben gefragt, was mit dem Obst und anderen Nahrungsmiteln später passiert. Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Wenn etwas Kleines vor dem Haus im Räucherofen sinnbildlich verbrannt wird und das Opfer den Gott somit erreicht, kann die ganze Schale anschließend wieder mitgenommen werden. Oder die Gaben verbleiben im Tempel und werden an Bedürftige geliefert oder sie sind so haltbar wie z.B. Dosenbier, das steht dann da sehr lange.


Das Land der 2 Kalender

Gestern habe ich meinen ersten organisierten Ausflug in das nähere Umland gemacht. Zum Treffpunkt bin ich mit dem Fahrrad gefahren. Ich bin nicht zum ersten Mal Fahrrad gefahren, aber ich muss sagen, das ist hier so garnicht mein Ding. Auf den Seitenstraßen geht es ja noch, aber auf den Hauptstraßen finde ich es schrecklich. Mopeds, die mich fast streifen und die fast von Autos gestreift werden. Aber manchmal ist es einfach praktisch und die meisten haben sich wohl nach ein paar Wochen dran gewöhnt. Wir werden sehen.

Zuerst ging die Fahrt zu Tempeln und Pagoden. Der Saint Giong-Tempel, auch Soc Son Temple genannt, befindet sich im Stadtteil Soc Son, 40 km vom Stadtzentrum entfernt. Mir war allerdings nicht bewusst, dass wir immer noch in Hanoi sind, da wir durch viele kleine Dörfer kamen. Am Straßenrand wurde frisches Fleisch auf Holztischen verkauft. Es sah aus, als wäre das Tier gerade erst geschlachtet worden.

Gestern war der 15. Februar und somit ein besonderer Tag, weil am 15. immer Vollmond ist. An diesem Tag gehen mehr Vietnamesen zum Beten in eine Pagode. Wer jetzt meint, dass gestern der 19. Februar war, hat natürlich auch recht.

Der doppelte Kalender

Die Vietnamesen rechnen mit 2 Kalendern. Im Geschäftsalltag wird der gregorianische Kalender verwendet. Bei religiösen, traditionellen oder familiären Feierlichkeiten benutzen sie den Mondkalender. Das kann natürlich leicht mal Verwirrung stiften. Da hilft nur Nachfragen.

Im Mondkalender haben die Monate keine Namen, es wird einfach durchgezählt. Jeder Monat hat genau 29,5 Tage, von Neumond zu Neumond, somit ist das Jahr insgesamt etwas zu kurz. Um das auszugleichen wird alle 4 Jahre ein Schaltmonat eingefügt. Das unterscheidet ihn übrigens vom islamischen Mondkalender.

Was habe ich also gelernt: 1. Gestern war der 19. Februar oder der 15. des zweiten Monats. 2. Schenke niemals einem Vietnamesen einen Kalender, damit kann er nichts anfangen, weil er nicht sehen kann, wann das Tet-Fest ist.

UNIS

Da in Hanoi viele Ausländer arbeiten und leben, gibt es auch entsprechend viele internationale Kindergärten und Schulen. Felix ist 7 Jahre alt und geht bei UNIS (United Nations International School of Hanoi) in die 1. Klasse. Kann- und Muss-Kinder gibt es hier nicht. Es gibt ein festgelegtes Datum und alle, die davor geboren sind, können sich anmelden. Von der UN gibt es nur 2 UNIS-Schulen weltweit, eine in New York und eine hier.

Es gibt 1123 Schüler mit 66 Nationalitäten, die 44 verschiedene Sprachen sprechen (Stand Mai 2018). Es gibt Lehrer aus 27 verschiedenen Ländern, wobei 88% aus Großbritannien, den USA, Australien, Neuseeland, Irland und Kanada kommen. Die Klassengröße bei UNIS Hanoi liegt je nach Klassenstufe zwischen 16 und 22 Schülern.

https://www.unishanoi.org

Die Schule kostet zwischen 24.000 und 30.000 $ pro Jahr (gestaffelt nach Klasse 1-12), dazu kommt eine Anmeldegebühr von 1000 $, 1100 $/Jahr für den Schulbus und zusätzliche Kosten für Unterricht in Sprachen. Optional sind u.a. Gebühren für Exkursionen, T-Shirts, Mittagessen und Sportveranstaltungen. Bei Expats wird das i.A. von der Firma übernommen. Auch sehr reiche Vietnamesen schicken ihre Kinder auf diese Schule, wobei der Anteil pro Klasse nicht mehr als 2 Kinder betragen soll, um den internationalen Charakter zu wahren.

Diese Schule ist eine besondere, sehr behütete Welt, die mit dem Hanoi ausserhalb wenig zu tun hat. In den Schulbus von Felix passen vielleicht 10 Kinder, aber es fährt eine Securitydame mit, die darauf achtet, dass alle angeschnallt sind (was hier in den Autos optional ist). Ich bringe Felix zum Bus, der direkt vor unserer Tür hält und er wird auch an mich bei Rückkehr wieder übergeben. Um Felix in der Schule abholen zu können, brauchte ich eine Identity Card und musste meinen Reisepass vorlegen. Als ich vor 3 Tagen das Gelände das erste Mal alleine betreten habe, um Felix für den Zahnarzt abzuholen, wollte ich ganz normal über den vorhandenen Zebrastreifen zum Klassenraum gehen. Ich wurde aber angehalten und von einem der vielen Securitymenschen drübergeleitet. So einen gebrechlichen Eindruck mache ich nun wirklich nicht :-). Das ist echt absurd. Die Schule selber hat alles, was das Herz begehrt, ganz besonders phantastische Sportstätten, aber davon ein ander Mal.


Stadt der Gegensätze

Ich habe Felix und seine 2 Freunde zu einem Kindergeburtstag in das Crown Palace gebracht, einem Luxushotel im Nam Từ Liêm District. Die Fahrt dauerte etwas 40 Minuten und mir wurde bewusst, wie groß Hanoi ist. Die Stadt hat ca. 3400 km² und 7 Mio. Einwohner. Wir waren immer noch im Innenstadtbereich.

Meine Fahrten mache ich hier überwiegend mit Grab. Grab muss man englisch aussprechen, damit es da keine falschen Assoziationen gibt. Grab ist der vietnamesiche Ableger von Uber, dem Fahrdienst, den man per Smartphone organisiert. Für mich ist das superpraktisch, da mein Standort vom Fahrer erkannt wird und ich vorher schon mein Ziel in der App eingebe. Der Fahrer kommt nach kürzester Zeit. Er weiß, wo ich hin will und der Preis wird direkt von meiner Kreditkarte abgebucht. Damit vermeide ich Missverständnisse, die bei falscher Aussprache der Straßennamen schnell entstehen können. Ist ja nicht so einfach mit der Verständigung und englisch sprechen die Fahrer nur selten. Gestern wollte sich ein Fahrer mit mir auf der Rückfahrt unterhalten. Oh je. Jedenfalls wühlte er irgendwann im Handschuhfach und zeigte mir sein Parfüm David Beckham. Dabei strahlte er mich an und ich lächelte nickend zurück.

In Hanoi gibt es arme und reiche Menschen, wie überall auf der Welt, aber der Unterschied wird mir hier viel deutlicher bewusst. Der Geburtstag von Felix‘ vietnamesischem Freund im Crown Plaza war luxuriös. Die Familie wohnt im 19. Stock des Hotels in einer mehrgeschossigen Wohnung. Nach Felix‘ Erzählungen ist der Vater der Manager des Hotels. Es gab für die Kinder einen Clown und einen Zauberer, eine Schaumrutschtour, ein Luftballonzimmer, einen Schusswettbewerb mit Nerfguns (könnt ihr mal googeln), einen Pool und und. Natürlich auch ein Buffet und einige Hilfskräfte. Das Ganze ging von 12 bis 18 Uhr und Felix war recht müde, als er wieder zu Hause war. Ich habe mich mit der Mutter von Hong Ha unterhalten. Eine ganz liebe, bezaubernde Person, die sich sehr für ihren Sohn gefreut hat.

Es gibt hier sehr viele Gegensätze, aber einer ist sicher die Architektur, die Spannung zwischen alt und neu. Ich dachte eigentlich, Hanoi wäre eine Stadt mit wenig Hochhäusern, aber da habe ich mich gründlich geirrt. Hier wird gebaut wie doll, immer höher, immer mehr, immer luxuriöser. Hanoi holt auf und will international mithalten. Bei der Fahrt durch die Stadt sieht man richtige Hochhausviertel. Manchmal ist auf der einen Straßenseite die Moderne und auf der anderen das Alte.

 

Straßenverkehr ganz anders

Bislang erlebe ich jeden Tag soviel Neues und Aufregendes, dass ich garnicht weiß, wo ich anfangen soll. Diese Stadt ist für mich wie eine große Wundertüte. Ein Beispiel ist der heutige Tag. Ich bin am Nachmittag mit dem Taxi zu Felix in die Schule gefahren. Taxis sind hier sehr billig, in Kriftel kostet eine S-Bahn-Fahrt das Doppelte der hiesigen Taxitarife. Ich wollte direkt von der Schule weiter zum Zahnarzt mit ihm.

Eine Autofahrt ist ein Erlebnis für sich, wie überhaupt der gesamte Straßenverkehr für den Europäer kaum vorstellbar ist. Das muss man gesehen haben. Hier würde auch der Italiener den Mund nicht mehr zubekommen. Man muss sich den Verkehr hier wie einen riesigen Fischschwarm vorstellen, der durch irgendein Wunder völlig organisch funktioniert. Ich kann mich dem zu meinem eigenen Erstaunen problemlos einordnen und gehe zwischen Mopeds, Fahrrädern und Autos auf die andere Straßenseite ohne mich auch nur im mindesten um all das Gewusel um mich herum zu kümmern. Das ist der Trick. Als Fußgänger geht man auch nicht wie in Deutschland dem Verkehr am Straßenrand entgegen, sondern immer mit dem Verkehr. Man schaut sich nicht um. Alle Verkehrsteilnehmer beachten das, jeder schaut nur nach vorne oder höchstens zwischendurch mal auf das Smartphone. Alle fahren umeinander herum und in die kleinste sich bietende Lücke, um schneller vorwärts zu kommen.

Es gibt in Vietnam die Regel rechts vor links. Zebrastreifen gibt es auch hin und wieder, wenn sie auch meist etwas blass sind. Aber was solls, wenn es doch auch anders funktioniert! Es grenzt an ein Wunder, dass an einer Kreuzung alle Fahrzeuge auf einmal fahren und trotzdem da rauskommen, wo sie hinwollen. Die Geschwindigkeit der Fahrzeuge ist nicht allzu hoch, aber keiner steht, alles fließt. An ganz breiten Straßen gibt es Ampeln und die werden tatsächlich recht oft beachtet. Da ist man auch als Fußgänger etwas sicherer.

Heute jedenfalls hat mein Taxifahrer die falsche Schnellstraßenauffahrt genommen, es aber nach ca. 200m bemerkt. Er machte ein paar komische Geräusche und fuhr dann auf den Standstreifen, den es in diesem Fall ausnahmsweise mal gab. Das Auto ging aus und ich hatte erst den Verdacht, dass das Benzin alle sei. Fragen konnte ich ja nicht, hier kann nicht jeder Englisch. Aber dann begann er rückwärts aus der Auffahrt zu fahren, wendete auf halber Strecke und wurde sozusagen zum Geisterfahrer. Um uns herum nur Autos, die in die andere Richtung fuhren. Ich bemerke hier – im Gegensatz zu den Gepflogenheiten bei uns – keine Agression im Straßenverkehr. Es herrscht eine freundlich Gelassenheit und ein entgegenkommendes Fahrzeug wird genauso umspült wie andere Hindernisse. Eine rote Linksabbiegerampel wurde anschließend ignoriert und schon waren wir wieder in der korrekten Richtung im Schwarm. Ich hatte nie Angst, ich musste mich eher zusammenreißen, um nicht loszulachen, aber dann hätte ich ihn vielleich beleidigt.

Die Frage ist, ob es sich für meine nähere Verwandtschaft lohnen würde, in Hanoi eine Zweigstelle ihrer Fahrschule aufzumachen. Ich glaube nicht. Hier kann jeder zumindest einen Roller/ein Motorrad leihen ohne nach einem Führerschein gefragt zu werden. Es gibt wohl eine praktische Prüfung, aber wozu, wenn es auch ohne geht. An die Regeln hält sich eh keiner. Ob es einen Autoführerschein gibt und wie der aussieht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Eine Fahrschule habe ich bislang nicht gesehen.

 

Wolken, Regen und Lüften

Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass es auch Gegenden gibt, in denen ganzjährig die Sonne zur ungefähr gleichen Zeit auf- und untergeht. Hanoi gehört wegen der Äquatornähe dazu. Es ist aktuell hell von 6.30 bis 18 Uhr, die Dunkelheit kommt relativ schnell. Das ist das ganze Jahr ungefähr gleich. Kann man sich gut merken, aber eine Sommer- oder Winterzeit ist damit hinfällig. In Hanoi gilt ganzjährig Indochina Time.

Das Klima ist subtropisch mit feucht-heißen Sommern und kühlen Wintern. Insgesamt ist es ein eher nasses Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit. Ich kenne hier schon viele Leute und bekomme auf diese Weise immer gute Informationen. Ein Mann hat mir erzählt, dass er Hanoi wirklich toll findet, aber das Mikroklima das schlimmste wäre, dass er auf seinen vielen Reisen kennengelernt hätte. Hier gibt es keine Luft zum tiefen Durchatmen. Klimaanlagen und Luftentfeuchter machen in den Häusern noch das beste draus, aber mein Hang zum Durchlüften ist hier recht unnnütz. Ich mache trotzdem immer mal das Fenster weit auf. Alle Fenster haben Fliegengitter, das ist praktisch.

Für Februar scheint es im Moment schon recht warm zu sein (23-28 Grad), es regnet aber auch hin und wieder und der Himmel ist immer weißgrau. Rainer meinte, dass blauer Himmel während des ganzen Jahres eine Seltenheit ist. Der Januar muss hier furchtbar sein, da die Temperaturen auch mal auf 12 Grad runter gehen. Die Häuser haben alle keine Heizung und es ist feucht, so dass es nirgends einen Ort gibt, an dem man sich mal aufwärmen kann. Manche Leute arbeiten dann mit Handschuhen. Aber der Winter ist kurz.

Ich finde das Klima bislang nicht unangenehm. Ich brauche keinen Hut und keine Sonnenbrille und kann trotzdem draussen sitzen. Eine Regenjacke habe ich aber immer dabei. Die Luftfeuchtigkeit sorgt allerdings dafür, dass meine Haare sich gegen jegliche Form von Frisur sträuben. Ich föne glatt und 10 Minuten später kräuseln sie sich in alle Richtungen.

Ich bin auf den Sommer gespannt, den ich auch noch miterleben werde. Da ich jetzt schon manchmal verschwitzt bin, nachdem ich Lea in den Kindergarten gebracht habe, werde ich dann wahrscheinlich einen noch höheren Schmelzwert haben. Im Sommer geht hier keiner mehr vor die Tür, der nicht bedingt muss, es sei denn, er ist Tourist.

Versuch eines Selfies mit dem Fotoapparat

Glücksbotschaften

Bei einer Pagode am West Lake ist seit Tet ein Markt, zu dem viele Vietnamesen aus dem Umland kommen. Er wird wohl demnächst enden, deswegen wollte ich da unbedingt hin. Ich habe nicht einen einzigen Europäer gesehen und wurde von den Vietnamesen wohlwollend ignoriert. Auf dem Markt saßen Männer in roten Umhängen, die mit kalligraphischen chinesischen Schriftzeichen Wünsche für das neue Jahr auf eine Schriftrolle schreiben. Vor allem wird um gute Leistungen der Kinder an der Schule gebeten. Die Schriftrolle wird zu Hause an einem Ehrenort aufgehängt oder es wird gleich eine zum Verschenken angefertigt. Ich habe die ehrenvollen Männer nicht gezählt, aber 100 Kalligraphen habe ich mindestens gesehen.

Daneben konnte man auf dem Markt jede Menge diverser Glückssymbole kaufen. Dem Kitsch waren keine Grenzen gesetzt.

Irgendwann habe ich Hunger bekommen, aber die Essensbeschaffung war für mich nicht zu bewältigen. Es gab jede Menge Stände mit vielen kleinen Stühlen, aber alle waren besetzt. Es gab an jedem Stand die exakt gleichen Gerichte, Shrimps in Teig (?), irgendwas in einem grünem Blatt (?), Fleischspießchen und Suppen. Außerdem wurde man überall bedient und wie sollte ich der Bedienung klar machen, was ich essen will, wenn ich es selber nicht wusste. Von der korrekten Betonung der Gerichte mal ganz abgesehen. Draufzeigen war auch schwierig, da es überall brechend voll war und die Köche um die Töpfe rumwuselten. Am Ende habe ich eine Tüte Chips für 10.000 Dong gekauft, die gibts hier auch. Über das leckere vietnamesische Essen und die phänomenalen Fruchtdrinks berichte ich nochmal extra.

Tet

Was für uns Weihnachten oder den US-Amerikaner Thanksgiving, ist für den Vietnamesen das Tet-Fest. Nur dauert es viel länger, nämlich ca. 2 Wochen und danach gibt es noch einige Festausläufer.

Tet ist die Feier zum neuen Jahr. Alle sind unterwegs, um die Familie zu besuchen. Es gibt Tet-Ferien an der Schule, in diesem Jahr waren sie vom 4. bis zum 10. Februar. Die Supermärkte sind geschlossen und die Firmen arbeiten nur, wenn es garnicht anders geht. Es ist ratsam, sich rechtzeitig mit Lebensmitteln einzudecken. Die Straßen in der Altstadt sind deutlich leerer, aber auch langweiliger. Alle Nichtvietnamesen, die nicht Tet feiern wollen, fahren in den Urlaub. Das war ein Grund, warum ich erst am 9. Februar in Vietnam ankam.

In Vietnam spielen Bräuche und Aberglauben eine ungeheure Rolle. Um gut ins neue Jahr zu kommen sind jede Menge Regeln zu beachten, so darf z.B. vor Tet nicht gestritten bzw. alte Streitigkeiten müssen beigelegt werden, Trunkenheit ist verboten (das scheint nicht zu klappen, wie man mir berichtete) und alle Schulden müssen beglichen werden, da man sonst arm sterben wird. Außerdem werden neue Kleider gekauft und man geht zum Friseur.

Am 5. Februar 2019 begann das Jahr des Erdschweins. Das Schwein ist ein Symbol des Glücks und des Reichtums. Ich bin übrigens ein Holzpferd. Menschen, die unter dem chinesischen Sternzeichen Pferd geboren sind, sind geistig und körperlich äußerst agil. Sie lieben es, in Bewegung zu sein und lassen keine Möglichkeit aus, um auf Reisen zu gehen. Gar nicht so falsch, oder? Neben einem der 12 Tierzeichen wird auch immer noch ein Element (Metall, Wasser, Holz, Feuer oder Erde) zugeordnet. So kommt die gleiche Kombination nur alle 60 Jahre vor.

Ich habe hier den ersten Arbeitstag nach Tet mitbekommen und in allen Firmen, an denen ich am Montag vorbeigelaufen bin, wurde gegessen und getrunken und erzählt. Das war auch bei Anna und Rainer nicht anders. Die Vietnamesen gehen außerdem davon aus, dass der erste Besucher ihres Hauses im Neuen Jahr das Familienglück im kommenden Jahr bestimmt. Deshalb betritt man am ersten Tag nie ein fremdes Haus ohne ausdrücklich vorher eingeladen worden zu sein. Im Büro wird genau festgelegt, wer als erstes den Raum betreten darf. Da darf man als Europäer keinen Fehler machen. In Anna’s Büro hatte eine Kollegin einen Käfig mit 28 wild piepsenden Vögeln mitgebracht, den sie für 500.000 Dong (der höchste Geldschein) gekauft hatte. Jeder sollte einen Vogel in die Hand nehmen und fliegen lassen, aber am Ende haben sie einfach nur die Käfigtür aufgemacht, um die traumatisierten Tiere in die Freiheit zu entlassen.

Ich nehme mal, dass die die Holzpferde und Puppen Überreste des Festes sind. Sie standen in einer Pagode und am Straßenrand.